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Interview mit Gerd Marschand (GM ), Maler und Plastiker Donnerstag, 23. Mai 2008
Von Franka Famm (FF ) für Kunstkontakt, Hamburg
FF:
Gerd Marschand, Sie sind Deutscher, aber Ihr Name klingt nicht deutsch, woher stammt er?
GM:
Sie haben recht – mein Familienname ist französischen Ursprungs. Sehen Sie, das Saarland, wo ich geboren wurde, ist eine Region, die viel ihre Nationalität wechselte, mal französisch, mal deutsch. Mein Name ist also der eingedeutschte marchand, der Händler.
FF:
Waren Ihre Vorfahren denn Händler oder Kaufleute?
GM:
Nicht, dass ich wüsste. Mein Vater war Bauunternehmer und damals war es selbstverständlich, dass der Sohn in das Geschäft des Vaters hineinwächst, von der Pieke auf. Als schmaler Junge von 14 Jahren begann ich eine Lehre als Pflasterer. Für die alten Arbeiter war es natürlich gefundenes Fressen, den Sohn des Chefs auf die Probe zu stellen, indem sie mir die Schubkarre total überluden wann immer möglich. Dafür habe ich meinen Vater verflucht, aber vielleicht gab mir gerade das den Motivationsschub, später eine andere Richtung einzuschlagen. – Meine Erfahrungen als Pflasterer habe ich 1983 in dem Gemälde "Quierschiet" festgehalten, einer kleinen Stadt im Saarland, wo eine freundliche Dame uns für die schwere Arbeit mit allerlei Leckereien erfreute.
FF:
Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie jemand, der so schwere Arbeit wie das Steinsetzen, Waldauslichten, Landschaftsgärtnerei und andere ungewöhnliche Arbeiten gemacht hat, Kunstwerke von derartiger Feinheit schaffen kann. Wie sind Sie denn überhaupt Maler geworden?
GM:
Schon seit meiner Kindheit bin ich immer am Zeichnen, Skizzieren und Malen. Als Jugendlicher habe ich alles an Literatur über Künstler aufgesogen. Ich bewunderte eine Helden – die Maler der 1920er Jahre, der Neuen Sachlichkeit – Otto Dix, Alexander Kanoldt, Christian Schad etc und besuchte sie in den Museen, wo ich ihre Werke und Techniken ganz genau studierte.
Mein gesamtes Wissen über Malerei habe ich mir so durch das intensive Beobachten und viel Üben angeeignet – und ich bin überzeugt, auf diese Weise habe ich ein umfangreicheres Wissen als wenn ich einfach nur an einer Akademie studiert hätte.
Ich glaube den buddhistischen Philosophen, hell + dunkel, grob + sanft ist in uns. Die harte Arbeit war also eine gute Vorbereitung; übrigens braucht man bei der Steinsetzerei ein sehr genaues Auge, was auch für meine Art der Malerei gilt. Ich liebe es, akribisch genau beim Malen zu sein, und es ist mir wichtig dabei eine extrem realistische Präzision zu erreichen, basierend auf dem gründlichen Studium der Maltechniken, was natürlich ebenso für meine Skulpturen gilt. Mein Ziel war es von je her, auf der Bildoberfläche keinerlei Pinselduktus zu hinterlassen, wenn man schräg darauf schaut. Das begeistert mich ausserordentlich!
Vielleicht illustriert folgende Szene, die ich in einer Ausstellung von mir beobachtet habe, meine Worte: eine Dame, irritiert von der gemalten Dreckspur auf einer Jugendstil-Kachel, konnte dem Impuls nicht widerstehen und versuchte emsig, sie wegzuwischen ...
FF: Haben Sie immer in Ihrer Heimatregion gelebt?
GM:
Absolut nicht! Ich bin da schon recht früh rausgewachsen. Das Anderssein, das ich für mich empfand, habe ich viele Jahre später in dem Bild Weisser Sonntagdargestellt. – Ich war ein ziemlich wilder junger Mann; Motorräder, ausgefallene Autos, Parties, schöne Frauen und viel Geld verdienen, das bestimmte mein Leben zu der Zeit. Irgendwann in den 1960er Jahren aber war ich damit durch und liess das Saarland hinter mir. Seitdem habe ich in vielen verschiedenen Regionen Deutschlands gelebt. Meine Bilder und Skulpturen geben, als eine Art Chronik, Zeugnis von meinen verschiedenen Lebensstationen. Wenn ich in einer neuen Umgebung lebe, möchte ich sie geistig erobern, und das Resultat zeigt sich in meinen Bildern. Daraus sind umfangreiche Bilder-Zyklen entstanden mit jeweils anderer Thematik, wobei ich immer die spezifische Atmosphäre des Ortes, das Wesen jedes Objekts einzufangen versuche und als Archetypus porträtiere in realistischer Darstellung.
Irgendwann in den 1970ern zog ich nach Hamburg und begann mit einer Serie von Bleistift-Zeichnungen: Stiefel. Brandneue, glänzende Cowboy-Stiefel, ausgelatschte alte Dinger, Damen- und Herren lang- und kurzschäftige – einfach alles, was mir unter die Finger kam. Zu der Zeit bewegte ich mich in der Fotografen-Szene, zu der ein international bekannter stills-Experte gehörte, der mich herausforderte mit der Behauptung, dass heutige Fotografie mehr erreiche als ich jemals mit meiner 0,5 HB Mine herausholen könnte. Wochen später und einem Berg verbrauchtem Fotomaterial gab er zu: Du hast gewonnen!
Als ich diesen Zyklus beendet hatte, machte ich einen ersten Schritt in die Öffentlichkeit, indem ich diese Arbeiten in meiner Eckkneipe dem "Halben Liter" ausstellte – aber auch da hätte ich mich noch nicht als Maler bezeichnet.
FF:
Sind die Arbeiten alle verkauft? Ich würde ja gern einmal eine Bleistift-Zeichnung aus der Zeit von Ihnen sehen.
GM:
Da haben Sie Glück, meine Agentin hatte vor einigen Jahren Gelegenheit, eine Anzahl Bilder zurückzukaufen, so dass ich Ihnen meine verewigten Mokassinszeigen kann. – Das war ne tolle Ausstellung! Auch weil ich Freunde fand, die mir auf die Beine halfen, indem Sie mich mit dem Galeristen Hans Redmann bekannt machten, und nach viel Überredungsarbeit ihrerseits, habe ich einer ersten Ausstellung 1980 mit meinen Polyester-Figuren in dessen Galerie in Berlin zugestimmt.
Einige Jahre zuvor hatte ich ein anderes Medium ausprobiert, ausgelöst durch meine Abneigung gegen diese langweiligen Standardlampen, die es in den Geschäften gibt. Also habe ich Licht-Objekte in Polyester kreiert; Persönlichkeiten in menschlicher oder tierischer Gestalt, etwa einen Meter hoch, die "getarntes" Licht tragen. Da gab es eine attraktive Hure, deren Handtasche eine Milchglas-Kugel mit Glühbirne drin ist, eine junge Bodenakrobatin steht auf ihren Unterarmen und balanciert eine beleuchtete Glaskugel auf ihren Füssen, ein Kellner ist im Begriff eine Sahnetorte zu schleudern, die mit echten Kerzen dekoriert ist oder auch eine schick gekleidete Gorilla-Dame mit einer Banane in einem Fuss, deren Frucht eine ovale Glühbirne ist – na ja, und viele andere äusserst raffinierte Objekte. Alle wurden verkauft, aber Natascha, die Bodenakrobatin, ist zu meiner Freude jetzt bei Anja Brisólla.
FF:
So viel ich weiss, haben Sie dann keine weiteren Polyester-Objekte gebaut, oder?
GM:
Das ist richtig. Nach der Ausstellung habe ich 3 Monate Pause gemacht. Wieder daheim, hob ich den Deckel von einem Eimer mit Polyester an und hab mich direkt daneben übergeben. Da wusste ich, "Das ist Gift. Finger weg, Bursche!" – Wenn ich heute dreidimensional arbeite, dann in Terra Cotta, Holz oder mit verschiedenen Materialien (Sally Sheffield, Japanese Wrestler, Portrait E.B., Insect-Fuck, Centauresse) und Projekte habe ich genug in meinem Kopf, die reichen für mindestens 3 Leben!
FF:
Das war doch nicht das einzige Mal, dass Sie mit Redmann gearbeitet haben. Was haben Sie danach ausgestellt?
GM:
Ja, 3 Einzelausstellungen folgten, wo ich Tafellbilder über die Umgebung grad um die Ecke von meiner Wohnung gezeigt habe: die heruntergekommenen Quartiere von Abbruch bedroht und ihre Bewohner, meine Nachbarn. Auf meinen Streifzügen durchs Hamburger Rotlichtmilieu sind sie mir alle begegnet, ich trank gern ein Bier mit ihnen und hörte ihren Geschichten zu. Waren interessante Leute: Huren, Luden, Boxer, Biker ... und manchmal gab's wilde Parties
Irgendwann machte mich Hans mit Herrn Gunzenhauser, dem grossen Galeristen in München bekannt, der sich auf die 1920er – 1930er Jahre spezialisiert hatte. Gunzenhauser war von meinen Bilder begeistert und lud mich zu einer Einzelausstellung ein. Massen von Menschen kamen. War 'n voller Erfolg für ihn und für mich auch nicht schlecht! (lacht)
FF:
Aber Sie sind da ausgestiegen. Was war passiert?
GM:
Dieser Galerie-Zirkus machte mich krank! Ich wollte wieder frei sein, mir nicht den Arsch abarbeiten für ne Ausstellung alle zwei Jahre.
Der Gedanke an ein mobiles Atelier hatte sich in meinem Kopf festgesetzt, und ausserdem näherte sich mein 50. Geburtstag. Zeit für eine Veränderung. Sagen wir mal, "der Zufall führte mich nach Süddeutschland" und ab 1988 lebte ich in Schwetzingen, einem Residenzstädtchen bei Heidelberg. Was aber meine Arbeit betrifft, so brauchte ich eine Weile bis ich "geerdet" war. Die attraktiven Skandal-Themen waren durch. Was nun?
Eines Tages brachte mir jemand einen menschlichen Schädel aus Irland mit. Fasziniert vom Geist dieser vor Jahrhunderten dahingegangenen Persönlichkeit, stark angezogen von den feinen Texturen des Objekts, begann ich an einer Naturstudie zu arbeiten. Als Anja Brisólla das halb fertige Produkt sah, war sie begeistert und schlug vor, ich sollte eine kleine Serie fertigen und sie würde ein paar Leute zu einer aussergewöhnlichen Ausstellung einladen. Und so geschah es. Anja und ihrer Truppe gelang es, aus einer ehemaligen Metzgerei-Küche einen phanstastischen Ausstellungsraum zu machen. Die Eröffnung war am 24. November, Totensonntag. Kürbisse mit Kerzen beleuchteten den Weg über den Hof zum Küchen-Häuschen. Schlanke, hohe Vasen mit Lilien gaben dem Durchgang einen Rahmen. Der rundum gekachelte Raum war von hunderten Teelichten erleuchtet und Punkt-Strahler akzentuierten die Schädel -Porträts auf elfenbeinfarbenen Wänden.
Auf der imposanten Schlachter-Waage waren die Schädel, gebettet auf zarter Seide und blassen Rosen, unter einem Glassturz umgeben von brennenden Altarkerzen. – Mehr als 60 Menschen drängten sich in dem kleinen Raum, die Presse war anwesend und die Atmosphäre grossartig.
Seitdem ist Anja Brisólla meine Agentin. Wir verkauften einige Bilder, hatten viel Publicity und waren sehr zufrieden mit dieser Veranstaltung.
FF:
Und Ihr Traum vom mobilen Atelier, ist der irgendwann wahr geworden?
GM:
Allerdings! Bei einer Geburtagsparty sass ein junger Mann neben mir. Wir sprachen über Motoren, Autos, Motorräder et cetera. Als ich ihm erklärte, dass ich zu gern wüsste, wo ich so einen Mini-Traktor mit "Hörnern" zum Lenken, wie beim Rasenmäher, statt eines Lenkrades finden könnte, lachte er: "Ach, Du meinst einen HOLDER! Den gibt's noch viel, da wo ich herkomme." Wenige Monate danach überraschte er mich mit dem kompletten Gespann; Trecker und der kleine Anhänger. Ich war so berührt, dass mir Tränen kamen.
FF:
Und das haben Sie auch tatsächlich für Ihre Feldstudien benutzt?
GM:
Vor der Natur zu zeichnen oder zu malen, war mir früher nie in den Sinn gekommen. Jetzt akzeptierte ich die Herausforderung, wollte aber meine Arbeit nicht unterbrechen müssen wegen Witterungsproblemen oder der Lichtverhältnisse. – Auf dieser ersten Tour 1995 war mein Atelier (Foto) eine Art auf dem Hänger improvisiertes Zelt. Es ermöglichte mir aber, ganz integriert in den Lauf des Lichts, Tag und Nacht draussen zu bleiben, aufgegangen in der Natur. 3 Monate verbrachte ich so in den Auen an einem Altrhein-Arm. Ich fühlte mich fern der Zivilisation. Ich habe Skizzen und Tagebuchnotizen gemacht, meinen "Haushalt" in Ordnung gehalten.
Zurück in meinem Atelier habe ich alles, was sich angesammelt hatte, überarbeitet und so mehrere Tafelbilder in Acryl und Mischtechnik geschaffen. 1997 bin ich mit meinem mobilen Atelier wieder in den Rheinauen gewesen, aber in einer optimierten Version (Foto) und im Oktober eröffnete meine Agentin eine umfangreiche Ausstellung in Brühl, Steffi Grafs Heimatort, in der Villa Meixner. Den kompletten Zyklus "Bilder von den Rheinauen" haben wir gezeigt. Hier ist eine kleine Auswahl davon. Ausserdem zahlreiche ältere Arbeiten. Achso, schon kurze Zeit später waren meine Bilder der historische Beweis wie die Landschaft einmal ausgesehen hat. Sie bauten ein "Ferienparadies." Ich bin nie mehr dort gewesen!
Wollen Sie noch mehr über meine Mobilität wissen?
FF:
Na, klar!
GM:
Im Jahr 2002, nachdem ich mein rollendes Studio noch weiter verbessert hatte durch isolierte Wände, Fenster, ein Leinwand-Dach usw (Foto) lockte mich "Die Reise nach Ladenburg" 4 Monate hinaus, an deren Ende in einer Ausstellung im Kreisarchiv meine während dieser Zeit entstandenen Arbeiten, Objekte, Bilder, Zeichnungen und Tagebuchnotizen, gezeigt wurden.
Zwischen 1998 und 2001 hatte ich allerdings noch wieder ein ganz anderes Arbeitsgefährt: ein chinesisches Fahrrad, das ich zu einem mobilen Arbeitsplatz umgebaut hatte. (Foto). In der Nähe meiner damaligen Wohnung in Schwetzingen ist dieser riesige Rokoko Schlossgarten. Was Menschen im späten 18. Jahrhundert geschaffen haben, ist so beeindruckend, dass ich 4 Jahre lang darüber recherchiert, Skizzen angefertigt und Bilder gemalt habe aus Hochachtung für die Gartenkünstler. Nach längerem Ringen mit störrischen Beamten ist es Anja Brisólla gelungen, einen der riesigen Säle des Schlosses zu mieten, und wir haben eine grossartige Ausstellung mit dem Titel "... wo die Pomeranzen blühen" zwei Wochen lang im November 2001 gezeigt.
FF:
Haben Sie diese Fahrzeuge noch?
GM:
Das Staffelei-Fahrrad ist nach dem Schlossgarten-Projekt im Ruhestand in FENDERs kleinem Fahrrad-Museum in Schwetzingen. Mein kleiner Traktor ist mit dem bewährten HOLDER-Studio im Jahr 2006 in 7 Wochen über 1.200 km bis nach Hamburg gerollt, wo ich jetzt lebe. (Fotos)
FF:
Darf ich fragen, woran Sie derzeit arbeiten?
GM:
Momentan bin ich auf zwei Ebenen in verschiedenen Techniken beschäftigt.
Zum einen habe ich eine Reihe Naturstudien in Mischtechnik begonnen, der wiederum von meiner nahen Umgebung inspiriert ist: Eindrücke von der Elbe. Strand, Steine etc, 150 x 120 cm, auf Leinwand. Sehr intime Porträts von Objekten, fast abstrakt aus der Nähe und gleichzeitig eine grosse Landschaft. Mal sehen, ob das funktioniert.
Parallel dazu beschäftige ich mich mit Bleistiftgemälden; Arbeitstitel "Todsünden." Da kann ich mein Entsetzen über die skrupellose Arroganz von Menschen, verkommene Moral, ungehinderte Aggressivität, den erschütternden Zustand der Welt ausdrücken. – Dies sind Arbeiten auf Karton ca 70 x 50 cm.
FF:
Wie lange brauchen Sie, um Bilder in dieser Grösse zu malen oder zu zeichnen? Und gibt es für diese Arbeiten schon Ausstellungspläne?
GM: (lächelt)
Ich muss das alles erst mal erschaffen, wachsen lassen. Manche Bilder brauchen Wochen, an vielen habe ich monatelang gemalt. – Um den Rest kümmert sich meine Agentin, Anja Brisólla.
Wir werden Im Oktober / November 2008 in Shanghai ausstellen, und dann gibt es einen jungen Galleristen in Hamburg-St. Georg, der geduldig auf eine gemeinsame Aktion mit mir Anfang nächsten Jahres wartet.
FF:
Herr Marschand, ich wünsche Ihnen viel Glück und bedanke mich, dass Sie mir Ihre Zeit geschenkt haben.
GM:
Ich danke Ihnen, Frau Famm. Es war mir ein Vergnügen.